Koch muss gehen – ein Rückblick auf die Baskets Trainer

Kein Basketball-Bundesligist wechselt so selten seine Cheftrainer aus wie die Telekom Baskets. Im Sommer 2012 ist es mal wieder soweit. Nach dem Viertelfinal-Aus gegen Oldenburg muss Michael Koch gehen.  Mit acht Jahren Dienstzeit bei einem Verein ist er der dienstälteste Cheftrainer in der Liga – gewesen. Ein Rückblick auf die Trainer der Baskets in den vergangenen 20 Jahren.

Als Bruno Socé samt Familie 1992 vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien flieht, landet er (nach Stationen in Hagen, wo sein Freund Svetislav Pesic als Bundestrainer residiert, und Münster, wo er als Regionalligatrainer arbeitet) 1995 in Weiden in der Oberpfalz. Gleichzeitig suchen die gerade gegründeten Telekom Baskets Bonn einen neuen und erstmals hauptamtlichen Cheftrainer für ihr Aufstiegsprojekt in die Bundesliga. Es gibt mehrere Kandidaten. Jeder steht für eine andere Basketballschule. Pesic, inzwischen Headcoach bei Alba Berlin, empfiehlt Socé, seinen ehemaligen Kollegen aus dem jugoslawischen Nationalteam. Baskets-intern ist man sich uneinig. Amerikanische oder jugoslawische Schule? Im Entscheidungsgremium, bestehend aus Präsident Dr. Hans Braun, Bundesliga-Abteilungsleiter Wolfgang Wiedlich und Sport-Manager Arvid Kramer, fallen die Würfel zugunsten des unbekannten Manns aus Sarajevo.

Was damals keiner ahnt: Für das Baskets-Lebensgefühl bedeutet Socé eine Art Kulturrevolution. Fortan stehen Disziplin und Perfektion im Vordergrund, dazu akribisch ausgearbeitete Trainingspläne und spezielle Waldlaufstrecken. Socé ist Abwehrspezialist, dazu braucht es Kondition, sofern der Gegner von der 1. bis zur 40. Spielminute unter Druck gesetzt werden soll. Genau das hat Socé vor. Also: laufen, laufen, laufen – durch den Kottenforst. Doch professionelles Arbeiten ist in Bonn nach Socés Vorstellung kaum möglich. Eingezwängt zwischen Schulsport-Stunden in Mehrfachhallen werden taktische Übungen regelmäßig von Autogramm-Wünschen unterbrochen.

Socé war extrem talentiert darin, mit wenigen Worten und ohne Umschweife das Wesentliche zu sagen. Ein Spieler, der Center bei den Baskets werden wollte, dribbelte vor. Sein Sparringspartner im Training: Socé selbst, immerhin der Ex-Center Jugoslawiens. Der Vorspieler kam nur „rechts herum“ an Socé vorbei, „links herum“ klappte gar nicht. Socé: „Wenn du auch links herum, dann große Geld, vorher nur kleines.“ Der Rechtsdribbler verstand nicht oder wollte nicht verstehen, jedenfalls wurde es nichts aus einem Vertrag bei den Baskets.

Im Parforce-Ritt marschieren die Baskets unter Socé durch die 2. Liga Nord. Erfolg infiziert: Bonn ist auf dem Weg zur Basketball-verrückten Stadt. 1997 stürmen Socé & Co. als Aufsteiger gleich ins Finale und 1999 gleich noch einmal. Vor der Saison 2000/01 befragt, was ihre größte Hoffnung sei, antworten Socé und sein Assistent Predrag Krunic unabhängig voneinander: „Mit Bonn Meister werden.“ Auch ohne Titel haben die Telekom Baskets jedoch zu dem Zeitpunkt längst Basketball-Geschichte geschrieben: Als Dezibel-Festung auf dem Hardtberg, als Reise-Veranstalter zu mehreren Finalspielen, als Party-Veranstalter mit Feuerwerk auf dem Münsterplatz. Der Club, der „eine Bewegung“ ist, wie der General-Anzeiger damals konstatiert.

Während Wiedlich, nach Brauns Tod (1998) inzwischen Clubpräsident, sich damals vor allem Gedanken über die Größe der künftigen Heimat, einer neuen Baskets-Halle, macht und bemüht ist, die hohen sportlichen Erwartungen nach der zweiten Vizemeisterschaft im dritten Erstliga-Jahr zu bremsen, spürt Socé noch den Stachel des verlorenen fünften Finalspiels in der Berliner Max-Schmeling-Halle 1999 – im Duell gegen seinen Freund und Förderer Pesic. Die Freundschaft ist damals etwas strapaziert, auch weil die Berliner im fünften und entscheidenden Spiel die rund 1800 aus Bonn angereisten Fans zu deren und Socés Unmut von ihrem Stammplatz hinter dem Korb auf Plätze weit oben unter der Hallendecke verbannten.
Zuweilen war der Diplom-Politologe, den einige Spieler nur gesenkten Hauptes „ansahen“, auch für die politische Bildung zuständig. So bot sich während eines Saporta-Cup-Gastspiels im ehemaligen Jugoslawien die Chance zur Stadtbesichtigung im Nachkriegs-Sarajevo, an der auch der Autor teilnahm. In der bosnischen Metropole bezeugte Socé – gestenreich wie bei der Taktikbesprechung – die Stoßrichtung der angreifenden Serben, deren Spuren als Einschusslöcher in Hauswänden allgegenwärtig waren. Mitten in der Stadt dann ein überraschender Fingerzeig des Stadtführers auf ein Geschäftshaus, das früher einmal den Namen „Moritz Schiller“ führte: „Hier Ferdinand“, ruft Socé, „abgeschossen, dann Krieg.“ Verdutzt blicken die Spieler den Trainer an, Details werden später von Krunic nachgereicht. Gemeint war der Ort, an dem 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand von bosnischen Attentätern ermordet wurde.

Grundsätzlich betrachtete Socé, der nichts mehr als „Unordnung und Überraschungen“ hasste, seine Spieler als der Beaufsichtigung bedürftige Menschen („Spieler sind Kinder“), die viel Geld verdienen – keineswegs als Stars, sondern als Arbeitnehmer, die Pflichten haben. Sozusagen die Gegenperspektive der Zuschauertribüne. Wenn Ivo Josipovic nach einem Dunking zunächst mit den Fans jubelte und sich nicht sofort ins Abwehrglied einreihte, war klar, was passierte: Auswechslung, Anschiss, hinsetzen. Auch Kunstpässe, die eine ganze Halle in Staunen   versetzten,   trieben  ihm die Zornesröte ins Gesicht: Deshalb durfte der persische Passkünstler Farsin Hamzei in der Aufstiegssaison immer nur in den letzten  zwei  Minuten  ran.  Stan-ding Ovations von der Tribüne für Hamzei quittierte Socé mit Kopfschütteln. Auch dass der Club in eine Zusatztribüne in der Hardtberghalle investierte und nicht in einen durchschlagskräftigen Centerspieler, gefiel ihm nicht – so wenig, wie jeder Cheftrainer einen maximalen Teametat als das Maß aller Dinge ansieht.

Als Socé und Baskets ihren Vertrag 2001 nicht verlängern, hat der Kroate mit drei Finalteilnahmen in fünf Erstliga-Jahren die Latte für jeden Nachfolger ziemlich hoch gehängt und riesige Fußstapfen hinterlassen, obwohl ihm seine Finalrevanche gegen Berlin 2001 mit 0:3 gründlich misslang. Die Spuren seiner Basketball-Philosophie sind bis heute in Bonn nicht verwischt, am offensichtlichsten im Namen des Fanclubs „Die Fans – Defense“. Als Socé 2014 stirbt, ordnet die Liga zu den Playoffs eine Gedenkminute für jenen Mann an, den sie 1997 zum „Trainer des Jahres“ ausgezeichnet hatte.

Seinem Nachfolger Predrag Krunic (damals 34), den die Baskets 2001 zum jüngsten Chef der Bundesliga beförderten, lag die Verteidigung, wen wundert‘s, nicht minder am Herzen. Sein Markenzeichen: Die erhobenen, stets abwehrbereiten Arme, eine schweißtreibende Trockenübung an der Seitenauslinie, die seine Spieler stets zur Wachsamkeit ermahnen sollte. Der Serbe knüpfte nahtlos an, wo Socé aufgehört hatte. Noch besser: Seine Teams waren topfit, von Anfang an, erspielten sich in drei Spielzeiten zweimal Platz zwei, in der Saison 2002/03 nach der Hauptrunde sogar  die  Pole Position vor Alba Berlin. Nie spielten Baskets-Teams in der Hauptrunde effektiver als unter Krunic. In den Playoffs war jedoch regelmäßig im Halbfinale Endstation. Ironie des Schicksals: Sein erstes Meisterschaftsfinale erreichte Krunic 2009 in Oldenburger Diensten. Gegner: die Telekom Baskets unter Trainer Michael Koch.

Krunic vertraute, je mehr die Saison sich der entscheidenden Phase näherte, vor allem seinen Leistungsträgern. Ein Vertrauensvorschuss, der sich 2004/05 nicht auszahlte. „Nichts treibt einen Trainer mehr zur Verzweiflung, als wenn Spieler nicht das tun, was sie sollen“, erinnert Krunic sich. Die Mannschaft um den exzentrischen und zwischen Genie und Wahn wandelnden Aufbauspieler Branko Milisavljevic war schwer unter einen Hut zu kriegen. Erstmals verpassten die Baskets die Playoffs. Zwar erreichten sie das Viertelfinale im Saporta-Cup und das deutsche Pokalfinale, doch nach der Saison wurde Krunic beurlaubt. Der Verein teilte mit, dass nicht das Verpassen der Playoffs dafür ausschlaggebend gewesen sei, „wohl aber hätten die wirtschaftlichen Konsequenzen des Ausscheidens einen Philosophie-Wechsel notwendig gemacht“. Mit anderen Worten: Das Geld reichte nicht mehr für etablierte Leistungsträger, und für Perspektivspieler schien Krunic nicht der richtige Headcoach zu sein.

Der tatsächliche Philosophie-Wechsel sollte jedoch erst Monate später realisiert werden, als der neue Co-Trainer Michael Koch den gerade inthronisierten Danijel Jusup, zweifacher Trainer des Jahres in Kroatien, nach nur 85 Tagen – nicht ganz überraschend – als Headcoach beerbte. Koch, der als Spieler Titel im Dutzend sammelte, versteht sich als Trainer – ganz anders als Socé – mehr wie der weisungsbefugte Arbeitskollege, der einen Weg vorgibt, mehr Impuls- und Ratgeber als Erzieher oder Drilloffizier ist. Ein „Players Coach“ wie Koch setzt die Bereitschaft eines Spielers zur Selbstdisziplin voraus. Er gestattet dem Individuum aber auch größere Freiheiten auf dem Feld.

Wenn ein Trainer bedingungslos auf ein Kollektiv setzt – wie groß ist dann die Chance, dass in der „Crunchtime“ (der letzten Minute einer engen Partie) ein Spieler etwas Überraschendes, aber das Entscheidende (zum Sieg) tut? Koch vertraute mehr als seine Vorgänger der Theorie, dass einzelne Spieler Spiele entscheiden können. Ein Winsome Frazier oder Brandon Bowman hätte unter Socé oder Krunic nie einen Vertrag bekommen – nicht, weil sie nicht Basketball spielen können, sondern weil sie vor allem individuelle Klasse in der Kategorie „Unberechenbar“ aufwiesen. Sie konnten Spiele durch überraschende Aktionen gewinnen, etwa wie Frazier Dreier in Reihe von der Mittellinie treffen (5. Halbfinale in Berlin 2009), aber in entscheidenden, knappen Spielen (5. Finale in Oldenburg 2009) nicht die einfachste taktische Anweisung umsetzen. Nach acht Erstliga-Jahren bei den Baskets blickt Koch 2013 auf sieben Playoff- und zwei Finalteilnahmen (2008 und 2009) zurück. Eine stolze Bilanz. Trotzdem wollte der Club den Vertrag nicht mehr verlängern.

Eine Frage, die schwer zu beantworten ist, muss trotzdem gestellt werden: Wie sind Erfolge und Nicht-Erfolge in einem sich wirtschaftlich rasant verändernden Ligagefüge zu beurteilen? Was bedeutete eine Silbermedaille 1997, 1999, 2001, 2008 oder 2009? Und was würde sie 2015 „wert“ sein? Ohne Zweifel: Immer mehr, denn der Team-Etat der Baskets ist, anders als anderswo, kaum gewachsen. Dort entstand aber auch keine neue Halle auf eigene Rechnung.

Die Cheftrainer der Telekom Baskets lassen sich nach erreichten Tabellenplätzen und Playoff-Platzierungen beurteilen (siehe Grafik unten). Ebenfalls nach Spielphilosophien, Geldverteilungs-Schemata und vielem mehr. Setzt ein Trainer auf sieben Leistungsträger und konzentriert dort 70 Prozent des Team-Etats? Oder auf eine Mannschaft, in der die kleinen wie die großen Räder zu einem perfekt funktionierenden Getriebe zusammenlaufen? Nie vertraute ein Cheftrainer jedenfalls mehr dem gesamten Kollektiv als der aktuelle. Mathias Fischer, einst Spieler in Bonn und für die meisten Baskets-Fans 2013 ein unbekannter Trainer, wird dieser Philosophie sicherlich auch in den Playoffs treu bleiben. Es ist erst seine zweite Spielzeit auf der Baskets-Bank. Folgt man der durchschnittlichen Verweildauer eines Cheftrainers in Bonn (sechs Jahre), so steht er erst am Anfang eines Baskets-Cheftrainer-Zyklus.

2012