Heitere Aussichten für die Zukunft


Die neue – eigene – Halle eröffnet den Telekom Baskets ungeahnte Möglichkeiten und stabilisiert den Basketball-Bundesliga-Standort Bonn. Aktuell haben die Telekom Baskets über die eigene Halle das höchste Anlagevermögen der Liga. Baskets-Präsident Wolfgang Wiedlich wirft einen Blick zurück und nach vorn. Von 1979 über 1995 bis 2015.

Einer schlug vor 23 Jahren vor, wir sollten mit der letzten Barschaft nach Bad Neuenahr ins Casino fahren und alles auf Schwarz oder Rot setzen und das mehrfach hintereinander. So aussichtslos erschien die Lage – nach einem stundenlangen Gespräch darüber, wie denn nun die erste Zweitliga-Spielzeit unter dem Namen BG Bonn 92 wirtschaftlich bestritten werden sollte. Letztlich übergaben wir dann das Schicksal des Bonner Herren-Leistungsbasketballs doch nicht der Roulette-Kugel – und landeten in der Zweitliga-Abstiegsrunde.

Ich werde in diesen Tagen rund um den 20. Geburtstag von so vielen Medienvertretern gefragt: Was war Ihr emotionalstes Erlebnis in diesen 20 Jahren? Was das spannendste? Über was haben Sie sich am meisten gefreut? Da ist ist eine Wohltat, einfach nur drauflos schreiben zu dürfen über das Gestern und Heute der Baskets. Dabei fällt mir jedoch schmerzlich auf, dass ich aus der „Casino-Runde“ heute der letzte Zeitzeuge in Bonn bin. Über die Jahre rutscht man so unversehens in die Mohikaner-Rolle und ist letztlich in vielen Sachfragen „der Dino“.

Die Reise zur „Baskets-Wiege“, ihrer Gründung vor 20 Jahren, und das rauschende Fest danach kommt mir vor, als säße ich in einem Teilchenbeschleuniger. Vor-vorgestern hatte ich noch die Trikots unseres Fortuna-Teams (denn ich war dran) gewaschen und in einer Studentenbude mit Ofenheizung getrocknet, vorgestern einen Sonderzug-Mietvertrag über 90 000 Mark unterschrieben, gestern einen Sechs-Millionen-Kredit für den Telekom Dome, und heute spielen wir gegen Teams aus Berlin, Athen, München oder Madrid – und manchmal schlagen wir sie, wie am vergangenen Freitag den Deutschen Meister FC Bayern München. Jedenfalls waren die Jahre 1995 bis 1999 „extrem wilde Zeiten“, in denen der unerwartete sportliche Erfolg eine Begeisterungswelle in Bonn lostrat, die wie ein Tsunami über unsere spärliche Infrastruktur hinwegschwappte.
Aber auch: Gestern (um 1990) bettelte man noch um Zeilen für Basketball in der Sportredaktion, heute gibt es eine ziemlich große Beilage dazu. Das mediale Mauerblümchen „Basketball“ ist bundesweit wie ein Tropenbaum in die Gazetten und darüber hinaus geschossen: in TV-Spartensender, ins Internet, zu Facebook, Twitter & Co. und überhaupt.

Die Baskets in Zahlen

72000

Punkte erzielten die Baskets seit ihrer Gründung in allen Pflichtspielen.

116000

Meter Elektrokabel durchziehen den Telekom Dome. Einmal Bonn-Koblenz und zurück.

1,4

Millionen Euro des Hallenkredits (6 Millionen Euro) haben die Baskets seit 2007 zurückbezahlt.

350000

Kilometer stehen auf dem Baskets-Europa-Auswärtskonto seit 1997.

Beim allumfassenden Heischen um Aufmerksamkeit, um Klickzahlen und teils virtuelle Reichweiten im Labyrinth der modernen Medien und Kommunikation wird gelegentlich jedoch übersehen, dass sich im Kern wenig geändert hat. Es geht weiter um realen, unwägbaren und deshalb spannenden Sport; ohne einen Ball, mindestens zehn Spieler, zwei Körbe und mitfiebernde Fans wäre alles nichts. Vor allem ist es gefährlich zu übersehen, wer das ganze Treiben in 18 Basketball-Bundesliga-Städten (BBL), kleinen wie großen, bis heute hauptsächlich finanziert: Groß- und Kleinsponsoren aus der Region und die Käufer von Eintrittskarten. „Nur live is life“ war einer unserer ersten Slogans.

Als die „Casino-Runde“ tagte, war die Deutsche Telekom vom Bonner Basketball ungefähr so weit weg wie die Erde vom Pluto. Ein Jahr später war das schon anders (siehe Seite 11) und 1995 völlig anders: Die Telekom Baskets Bonn wurden gegründet und ein zweijähriges Aufstiegsprojekt beschlossen. Es war mir sofort sehr bewusst: Es handelte sich um eine jener Chancen, wie man sie nur einmal erhält. Ich empfand diese Chance auch als verspätete Bestätigung unserer Entscheidung 1992, die sportlichen Kräfte in Bonn zu bündeln und die Basketballer von Fortuna Bonn und Godesberger TV zu verheiraten. Vielleicht gäbe es heute gar keinen Baskets-Hype und wäre Bonn weiter Volleyball-Hauptstadt Deutschlands, wenn die Bundesligisten SSF Bonn und Fortuna Bonn früher zueinander gefunden hätten? Manchmal biegen wir im Leben links oder rechts herum ab und erkennen erst sehr viel später die Folgen der eingeschlagenen Richtung.

Man spricht von „Schlüssel-Entscheidungen“, wenn diese eine Kaskade von Neben- und Wechselwirkungen verursachen können – beabsichtigte und unbeabsichtigte. Dazu gehören Cheftrainer-Entscheidungen. Denn man entscheidet darüber, welche Person künftig den Löwenanteil des Gesamtbudgets – und das ist der Bundesliga-Teametat – wie investiert. Ein Headcoach soll das Beste aus den vorhandenen Möglichkeiten machen, in Bonn in Ruhe arbeiten und im besten Fall eine erfolgreiche Zeit hinterlassen, über die Basketball-Historiker später „Ära“ schreiben – oder auch nicht. In dieser Hinsicht sind wir in den letzten 20 Jahren unserem Ideal schon ziemlich nahe gekommen.

Weggefährten gratulieren

Als wir uns 1995 für Bruno Socé entschieden, waren wir nicht unerfahren, aber nicht so erfahren wie heute. Aber eines war sicher: Für Socé war es eine große Chance, und wir waren mit dem Aufstiegsprojekt in einer Situation, wo wir einen Cheftrainer benötigten, der nichts dem Zufall überlässt und an allen Fronten das Risiko minimiert. Sein Risiko war unser Risiko. Je kleiner, desto besser.

Die Socé-Baskets-Ära wurde eine extrem erfolgreiche Zeit. Sie sticht im Gedächtnis stets besonders hervor, weil der Zug hier ins Rollen kam, aber auch deshalb, weil Socé mehr als ein Trainer war und über das Spielfeld hinaus den Club und alle seine Köpfe prägte. Da ist einiges hängen geblieben.

Die bis 1997 entstandene Baskets-Euphorie hatte einen idealen Humus für Identifikation gebildet, der 1999 nochmals verdickt wurde. Das reale Baskets-Leben schrieb in der Saison 1998/99 eine filmreife Dramaturgie: Die bärenstarken Athleten eines Teams können nicht in die Saison starten, weil sie im Bett liegen – geschwächt von einem Winzling namens „Epstein-Barr“. Das Virus hatte ausgerechnet ein umstrittener Neuzugang mitgebracht. Hurl Beechum war von Sport-Manager Arvid Kramer in den USA „ausgegraben“ worden und hatte zuletzt verletzungsbedingt nur gekellnert. Socé fragte: „Was wollen wir mit »Kellner aus Hawaii« in Profimannschaft?“ Am Ende firmiert Beechum auf dem Hardtberg als „Gunman“, weil er unglaublich aus der Distanz trifft – so unglaublich, dass sein Dreier-Rekord (12 in einem Spiel) bis heute in der BBL gilt. Am Ende gewinnen die Baskets trotz Virus fast die Meisterschaft, und Socé erklärt den Reportern in seiner unnachahmlichen Art: „Wir haben Wunder gemacht.“

Die Baskets in Zahlen

117

Dauerkarten verkauften die Baskets in der Aufstiegssaison 95/96. Heute sind es 2500.

40000

Kilometer fahren die Jugendbusse und Elternautos pro Saison für die Kinder- und Jugendteams.

900

Meter kang war der Sonderzug, der 2001 zum Finale nach Berlin rauschte.

1314,79

Euro kostet pro Tag die Nachwuchsförderung – inklusive Ausbildungszentrum.

1999 war auch das Jahr, das den Baskets den Hallenspiegel vorhielt: Hätte es mit der Meisterschaft geklappt, hätten wir nicht in der Basketball-Championsleague antreten dürfen, weil die Hardtberghalle zu klein war. Außerdem: 1997 war sie samt Zusatztribünen noch die viertgrößte Halle in der Liga gewesen, dann rutschte sie 2003 auf Rang sieben und danach immer tiefer ab. Überall wurden für expandierende Begeisterung neue Arenen gebaut, aber der „Programmlieferant“, der Club, war nie Bauherr.

Deshalb hatte ich mich 1999 auf den Weg gemacht – voller Energie und zunächst auch reichlich naiv. Rathaus, Stadthaus, Experten und „Experten“, Berater, Gutachter, Investoren und „Möchte-gern-Investoren“. Alle meinten es gut und sagten dasselbe: „Keine Halle rechnet sich.“ Unsere Kölnarena-Erfahrung (siehe Seite 30) öffnete mir die Augen und brachte mich auf völlig neue Gedanken. Wie kann es sein, dass man bei 18 000 verkauften Tickets nach einem Heimspiel weniger Geld in der Clubkasse hatte als in der 3500er-Hardtberghalle? Es dämmerte mir, dass bei einer fremdgesteuerten Multifunktions-Arena alle an der Baskets-Identifikation verdienten, nur der Club nicht.

Über Jahre zog sich die Debatte in Bonn wie ein zäher Kaugummi, was überhaupt nicht zum objektiven Zeitdruck passte. Letztlich mussten wir das Abenteuer aber wagen: Wir bauen selbst und sind auch der Investor! Aus der Innensicht ein kühner, in der Außenansicht ein waghalsiger Schritt, aber keiner hielt uns mehr auf. Um es abzukürzen: Wenn ich heute an der Halle vorbeifahre, fällt mir rückblickend Socés „Wir haben Wunder gemacht“ dazu ein – so utopisch erschien von 1999 bis 2004 die Vorstellung, dass die Baskets selbst bauen.

Heute drückt natürlich der Kapitaldienst für einen Sechs-Millionen-Kredit, die Unterhaltskosten und und und. Und mancher Fan, der nachvollziehbar (wie jeder Cheftrainer) unbedingt Meister werden möchte, fragt mich: „Ob das so gut war mit der Halle?“ Umgekehrt frage ich mich, ob es uns heute in der Bundesliga überhaupt noch gäbe, wenn wir „es“ nicht gewagt hätten?

Der Telekom Dome steht für die Baskets-Zukunft, und die beurteile ich als „heiter“, sofern alle weiter an einem Strang ziehen: Club, Fans und unser verlässlicher Partner Deutsche Telekom sowie die vielen anderen Sponsoren aus Bonn und der Region. Vielleicht kommt eines Tages auch die Stadt Bonn zurück ins Baskets-Boot und zu ihrem „sportlichen Aushängeschild“, das sie nach Fertigstellung der „Privat-Immobilie“ 2008 fluchtartig verlassen hat.

Einstweilen freue ich mich auf den 3. Mai, wenn wir uns alle wiedersehen: Alte und neue Heroen, alte und neue Fans und Sponsoren, eben die ganze Baskets-Familie. Es gibt viel zu erzählen.

Die Baskets in Zahlen

29

Minuten dauerte es im Juni 2008, bis der Telekom Dome zum Einweihungsspiel gegen Berlin ausverkauft war.

6000

Euro sammelten Fans 2002 für die Kinderkrebsklinik in Perm (Ural), wo die Basakets international spielten.

72299

Zuschauer wollten die Baskets in der Saison 01/02 auswärts sehen – damit waren sie das Zugpferd der Liga.

5482

Zuschauer besuchten im Schnitt die Baskets-Heimspiele im Telekom Dome – eine Auslastung von 90%.

2015